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Medieninfo «Big Brother Awards 2004» (5d) vom 16. Oktober 2004

Fünfte Schweizer «Big Brother Awards» -- DIE SIEGER

  • KKdt Hansruedi Fehrlin, Schweiz. Luftwaffe (Staats-Award)
  • santésuisse, Solothurn (Business-Award)
  • Stadtpolizei Zürich (Arbeitsplatz-Award)
  • Josef Leu (Nationalrat CVP/LU, Lebenswerk-Award)
  • Daniele Jenni (Winkelried-Award)

Diese und frühere Medieninfos stehen auch als PDF-File zur Verfügung: http://www.bigbrotherawards.ch/2004/presse/


Medieninfo «Big Brother Awards 2004» (5d) vom 16. Oktober 2004

PREISVERLEIHUNG der fünften Schweizer «Big Brother Awards»

Anlässlich einer feierlichen Preisverleihung wurden am Samstagabend, 16. Oktober 2004, in der eindrücklichen alten Industriehalle der «Steeltec» in Emmenbrücke die Gewinnerinnen und Gewinner der fünften Schweizer «Big Brother Awards» bekanntgegeben. Mit diesen satirischen «Preisen, die keiner will» zeichnet ein Organisationskomitee jedes Jahr die übelsten Datenschutzverletzungen aus. Die Verleihung von «Big Brother Awards» ist eine internationale Aktion. In der Schweiz findet der Wettbewerb bereits zum fünften Mal statt.

Drei Betonpokale gingen an die grössten Schnüffelratten in den Kategorien «Staat», «Business» und «Arbeitsplatz». Weiter wurde ein «Lebenswerk-Award» für besonders hartnäckige, lebenslange Spitzelarbeit verliehen. Neben diesen vier negativen Preisen zeichnet ein «Winkelried Award» besonders lobenswerten Widerstand gegen Überwachung und Kontrolle aus.

Die Nomination der Preisträger erfolgte durch die Oeffentlichkeit. Bis Ende August wurden über 100 Vorschläge eingereicht. Nach einer ersten Prüfung legte das Organisationskomitee 52 Nominationen einer unabhängigen Jury vor. Ihr gehören 13 Personen an, die sich in verschiedenen Organisationen, Institutionen oder Medien gegen Überwachung und Kontrolle engagieren (siehe <http://www.bigbrotherawards.ch/2004/nomination/jury>).

--> Eine vollständige Liste der Kandidaturen mit einer Begründung und weiterführenden Quellenangaben findet sich hier: http://www.bigbrotherawards.ch/2004/nomination/nominees/

Nach Anlässen im Zürich (2000, 2001), Winterthur (2002) und Bern (2003) wurden die «Big Brother Awards» erstmals in der Zentralschweiz verliehen, im Rahmen der neuen Veranstaltung «pulp - plattform für digitale kultur» (15. bis 17. Oktober, sh. http://www.pulpnet.ch).

Kamerarundgang

Am Samstagvormittag fand in Luzern ein «Camera Sight Seeing» statt, am Nachmittag in Emmenbrücke eine internationale Konferenz und ein Podiumsgespräch zu Überwachung und Kontrolle (sh. http://www.bigbrotherawards.ch/2004/event).

Die Teilnehmenden wiesen insbesondere auf die Gefahren der zunehmenden Überwachung durch Videokameras und durch RFIDs hin (Radio Frequency Identity Tags) und betonten die Wichtigkeit, eine öffentliche Debatte über die Einschränkung der Privatsphäre zu führen.

Preisverleihung

Abends um 20 Uhr begann die vom Luzerner Regisseur Dieter Ockenfels vergnüglich inszenierte Preisverleihung. Der Schauspieler Ernst Jenni verlas eine bisweilen zynische Laudatio auf die Sieger (Auszüge finden sich demnächst online). Anstelle der eingeladenen, aber nicht zur Veranstaltung erschienenen Preisträger nahm der Schauspieler Daniel Kasztura die formschönen Betonpokale in Empfang. Der Anlass wurde ergänzt durch Einspielungen der privaten Fernsehstation «Tele G» (Guido Henseler). Für die musikalische Begleitung sorgten die «Super-Tops» aus Bern.

Am Rande der Preisverleihung erklärten die Organisatoren die Ausschreibung für die «Big Brother Awards 2005» für eröffnet (Formulare sind auch online erhältlich).

DIE SIEGERINNEN UND SIEGER

Informationen zu den einzelnen Nominationen, mit Begründung und weiterführenden Quellenangaben sind hier zu finden (Suche nach Nominationsnummer): http://www.bigbrotherawards.ch/2004/nomination/nominees/

Staats-Award

Mehr als die Hälfte der Kandidaten (28) bewarben sich um einen «Staats-Award». In dieser Kategorie ging der Hauptpreis an den Chef der Luftwaffe im VBS, Korpskommandant Hansruedi Fehrlin, für den Einsatz von unbemannten Überwachungsdrohnen des Typs «ADS 95 Ranger» (Nomination Nr. 3130). Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport knüpft damit an seine Erfolge der Vorjahre an: Im Jahr 2000 erhielt das VBS einen Schnüffelpokal für die Satellitenabhorchanlage «SATOS-3» (heute: «ONYX»). Letztes Jahr gewann Bundesrat Samuel Schmid einen «Big Brother Award» für den «Rekrutenfragebogen» bei Aushebungen.

Die Auszeichnung in der Kategorie «Staat» war auch dieses Jahr wiederum hart umkämpft: Auf dem zweiten Rang positionierten sich Bundesrat Christoph Blocher (SVP) und die junge Alt-Bundesrätin Ruth Metzler (CVP) für ihre Bemühungen zur Verschärfung des Asylgesetzes (Nr. 3477).

Den dritten Rang erreichte das Berner Obergericht für seine Rasterfahndung mit Cumulus-Daten der Migros (Nr. 3549).

Business-Award

Zwölf Kandidaten bewarben sich für einen «Business-Award». Siegerin in dieser Kategorie wurde santésuisse, der Verband der Krankenversicherer der Schweiz, für die Durchsetzung des neuen Tarifsystems TARMED (Nr. 1017). Nach dieser Regelung müssen die Ärztinnen und Ärzte seit dem 1. Januar 2004 auf allen Rechnungen einen detaillierten Behandlungs-Code auflisten. Die Krankenkassen erhalten dadurch Einblick in besonders schützenswerte Patientendaten. Die Datenschutzbeauftragten kritiseren TARMED bereits seit mehreren Jahren und warnen vor der Schaffung von «gläsernen Patienten».

Die innovative Jungfirma MAILPROFILER AG erhielt eine lobende Erwähnung für ihr System zum Versand von «verwanzten» E-Mails (Nr. 3482). Das System ermöglicht der Jungfirma, das Verhalten der Kunden Wissen auszuspionieren.

Eine weitere lobende Erwähnung ging an die Direktversandfirma AWZ AG, die nach eigenen Angaben über 4.5 Millionen Privatadressen in der Schweiz verfügt (das sind 1.25 Adressen pro Wohnung). Die Angaben sind nach bis zu 50 Merkmalen strukturiert (Nr. 3568) -- persönliche Daten sind inzwischen zu lukrativen Handelsprodukten geworden.

Der Schweizer Fussballverband SFV (Nr. 2044), Zurich Financial Services (Nr. 3464) und Khamsin Security GmbH (Nr. 3481) schafften es knapp nicht in die Kränze.

Arbeitsplatz-Award

Erstmals wurde in diesem Jahr ein Pokal für Überwachung am Arbeitsplatz verliehen. Als Besten unter den acht Anwärtern in dieser neuen Kategorie bestimmte die Jury die Stadtpolizei Zürich: Ihr Kommando hatte im Sommer 2003 heimlich den E-Mail-Verkehr von etlichen ihrer Angestellten überwacht (Nr. 3425).

Auf den zweiten Rang schafften es die Informatikdienste des Kantons St.Gallen für ihre neue «Dienstanweisung über den Einsatz von Informatikmitteln in der Staatsverwaltung». Diese schreibt fest, dass der Internetverkehr der Angestellten jederzeit von der vorgesetzten Stelle überwacht und personenbezogen ausgewertet werden dürfe -- auch ohne jeden Tatverdacht (Nr. 3115).

Ein Trostpreis ging an die Firma Pick Pay AG: Sie stellte bei Stellenbewerbungen unverhältnismässige persönliche Fragen nach Gesundheitszustand, Vorstrafen und Schuldenverhältnissen (Nr. 3439). Die Grossverteiler COOP und Migros stellten in ihren Formularen ähnliche Fragen (Nr. 3605 und 3606). Alle drei kündigten an, ihre Fragebögen zu überarbeiten.

Lebenswerk-Award

Der begehrte «Lebenswerk-Award» für besonders hartnäckige Beschnüffelung ging dieses Jahr an den Luzerner Landwirt und CVP-Nationalrat Josef Leu (Nr. 3577). Als Parlamentarier setzt er sich seit 1991 für eine Verstärkung von Armee und Polizei ein. Er fordert etwa die Schaffung einer «Bundessicherheitspolizei», eine Verschärfung des «Bundesgesetzes zur Wahrung der inneren Sicherheit» (BWIS, SR 120), sowie den konsequenten Ausbau der Möglichkeiten zur vorsorglichen Bespitzelung.

Nur auf den zweiten Rang schaffte es der Freiburger Jean-Luc Vez (CVP), Direktor des Bundesamts für Polizei (BAP/fedpol, Nr. 2994). Auch er fordert eine Verschärfung des BWIS und fördert den Ausbau der Zusammenarbeit mit Polizeien und Geheimdiensten der EU und der USA.

Winkelried-Award

Im Gegensatz zu diesen vier Negativpreisen wird mit dem «Winkelried-Award» eine Person ausgezeichnet, die sich in lobenswerter Weise *gegen* zunehmende Überwachung und Kontrolle zur Wehr setzte. Dieses Jahr standen zwei Kandidaten zur Auswahl:

Daniele Jenni ist Rechtsanwalt in Bern (Nr. 3544). Gemeinsam mit 37 weiteren Personen reichte er im Sommer 2004 Klage gegen die Bündner Kantonspolizei ein. Diese hatte im Januar 2004 in Landquart mehr als 1000 Demonstranten fichiert und die Daten entgegen den eigenen Behauptungen an die Bundespolizei weitergegeben.

Beat Schaub ist praktizierender Arzt in Binningen BL (Nr. 3479). Er wehrt sich vehement gegen das neue Tarifsystem TARMED (sh. oben) und zeigt auf, dass es dafür keine rechtliche Grundlage gibt. Um das Arztgeheimnis und das Patientengeheimnis zu wahren, dürften Patientendaten höchstens in anonymisierter Form weitergegeben werden. Entsprechend fordert Schaub die sofortige Vernichtung aller bisher im Rahmen von TARMED gesammelten persönlichen Daten.

Anlässlich der Preisverleihung wurde Daniele Jenni in einer Publikumswahl zum «Haupt-Winkelried des Jahres 2004» erkoren.

Ehrenliste

Zu den bisherigen Gewinnern eines «Big Brother Awards» gehören die Firmen Swisscom, Roche, SWICA, Orange und Q-Sys, der Bundesrat Samuel Schmid, die Kantonspolizei Zürich, die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten, sowie der ominöse «Club de Berne». Eine Liste findet sich in unserer «Hall of Shame»: http://www.bigbrotherawards.ch/diverses/hallofshame

International koordinierte Aktion

«Big Brother Awards» sind eine international vernetzte Aktion: Die erste Preisverleihung wurde 1998 in Grossbritannien von «Privacy International» organisiert. Inzwischen fanden über 40 weitere Ehrungen in 16 Ländern statt, so in den USA, in Oesterreich, Deutschland, Frankreich, Ungarn, in den Niederlanden, in Japan, Finnland, Dänemark, Spanien, Australien und Neuseeland. Weitere Veranstaltungen sind in Planung (siehe http://www.bigbrotherawards.org).

Die Verleihung der Schweizer Big Brother Awards 2004 wurde organisiert von der «Swiss Internet User Group SIUG», vom «Archiv Schnüffelstaat Schweiz» und von «//syndikat - Die Online-Gewerkschaft», in Zusammenarbeit mit «pulp - plattform für digitale kultur» und «zusammenstoss», Luzern, mit Unterstützung des Zürcher Kulturzentrums Rote Fabrik, des Vereins «trash.net», den Gewerkschaften comedia und GBI, sowie des Datenschutzbeauftragten der Stadt Zürich. Medienpartner sind «WOZ Die Wochenzeitung» und «Le Courrier».

Weitere Informationen und Pressefotos: http://www.bigbrotherawards.ch


Kontakt

info@bigbrotherawards.ch
http://www.bigbrotherawards.ch

  • Für Fragen zu Big Brother Awards allgemein: 079-655.46.84 (Thomas Bader, Catherine Weber, Daniel Boos)
  • Für Fragen zum «Arbeitsplatz-Award» (//syndikat): 076-520.16.26 (9 bis 22 Uhr)
  • Für Fragen zu «pulp - plattform für digitale kultur» 041-360.93.77 (Christine Weber)

Links

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Anfragen und Kommentare an: info@bigbrotherawards.ch
Zuletzt aktualisiert: Sunday, 17.10.2004 02:07:11